Die Geschichte der Tharandter Lehr- und Forschungsstätte

von Dr. E. Lochmann

 
Im 18. Jahrhundert stieg in Sachsen, bedingt durch die rasche Entwicklung des Bergbaues und Hüttenwesens, der Holzbedarf rasant. Die Folge war eine Übernutzung und teilweise Devastierung der vorhandenen Wälder. Um Abhilfe zu schaffen, sollte eine geregelte Forstwirtschaft, die erst in Anfängen existierte, eingeführt und aufgebaut werden. Die sächsische Regierung bemühte sich deshalb, für die 1809 freigewordene Direktorenstelle der sächsischen Vermessungsanstalt den bekannten Thüringer Forstmann Heinrich Cotta (1763 - 1844) zu gewinnen.

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Heinrich Cotta

Cotta hatte nach seiner praktischen Lehrzeit bei seinem Vater in Zillbach an der Universität Jena "Kameral-Wissenschaften" (Finanz-, Wirtschafts- und Verwaltungslehre) und Mathematik studiert und war damit einer der ersten akademisch gebildeten Forstmänner. Nach Prüfung aller Umstände sagte Cotta unter der Bedingung, dass er seine bereits seit 1786 in Zillbach betriebene forstliche Lehranstalt weiterführen konnte, zu. Den Sitz Tharandt wählte er mit der Begründung aus "ohne Wald und dessen Benutzung kann eine Forstlehranstalt ebenso wenig gedeihen als eine Bergakademie ohne Bergwerke". Dieses Credo Cottas ist auch heute noch Leitsatz der Ausbildung in Tharandt.

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Adam Reum

Am 24. Mai 1811 konnte Heinrich Cotta sein Privatforstlehrinstitut eröffnen. Neben Cotta, der die forstlichen Fachdisziplinen lehrte, war A. Reum (1780 -1839), Professor für Mathematik, Vermessungskunde und Botanik, mit nach Tharandt gekommen. Reum begann sofort mit der Anlage des heutigen Forstbotanischen Gartens. Dem Grundsatz Cottas folgend, dass ohne praktische Anschauungen auch eine noch so gute Theorie nicht auskommen kann, dient der Forstgarten noch heute für den praktischen Unterricht in Forstbotanik. 1814 wurde noch K. L. Krutzsch (1773 - 1839) als Lehrer für Naturwissenschaften eingestellt.

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Carl Leberecht 
Krutzsch

Die Vorlesungen fanden in den Privaträumen der Professoren statt bzw. im Freien, wie z. B. im Forstgarten.
Durch die Befreiungskriege ging die Zahl der Schüler stark zurück, so dass finanzielle Schwierigkeiten den Fortbestand der Lehranstalt gefährdeten. Cotta bemühte sich deshalb um Übergabe der Schule an den Staat. Da dieser an qualifizierten Forstleuten interessiert war, wurde, wenn auch nach langwierigen bürokratischen Verhandlungen, am 17. 6. 1816 die "Königlich-Sächsische Forstakademie" eröffnet, deren Direktor bis zu seinem Tode 1844 Heinrich Cotta war.
Cotta konnte zwar nun die Professoren entlohnen, aber Geld für den Bau eines Lehrgebäudes wurde nicht bewilligt. Erst 1844 wurde das Schweizerhaus im Forstgarten für Lehrzwecke gebaut. 1847 begann man endlich mit dem Bau des heutigen "Altbaues". 1848 wurden bereits Vorlesungen in ihm gehalten.
Das Studium dauerte zunächst zwei Jahre, ab 1830 aber drei Jahre für die höhere Forstdienstlaufbahn. Neben Mathematik und den Naturwissenschaften wurden die forstlichen Fachdisziplinen Waldbau, Forsteinrichtung, Forstschutz, Forstbenutzung und Jagdwirtschaft gelehrt. Viele Übungen, praktische Anweisungen im Walde und Exkursionen waren Bestandteil des Lehrplanes.
Um die Kapazitäten sinnvoll zu nutzen (gemeinsames Grundlagenstudium), wurde 1830 eine landwirtschaftliche Abteilung an der Akademie eingerichtet, die jedoch 1869 an die Universität Leipzig verlegt wurde.

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Friedrich Judeich
  

Dem Einsatz des damaligen Akademiedirektors J. F. Judeich (1828 - 1894) ist es zu verdanken, dass die forstliche Ausbildung in Tharandt verblieb. Judeich, auf dessen wissenschaftliche Verdienste später noch eingegangen wird, reformierte die Ausbildung entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen grundlegend und führte die Tharandter Ausbildungsstätte zu Weltruhm. Allein während seiner 28-jährigen Amtszeit studierten in Tharandt 442 Ausländer aus über 20 Staaten.
Tharandt blieb immer ein Anziehungspunkt für ausländische Studenten. Von 1816 bis 1945 verließen 4507 Absolventen die Hochschule, davon waren 1479 (etwa ein Drittel) aus dem Ausland, wobei aus den europäischen Staaten und Rußland die meisten kamen, aber auch Japaner, Chinesen und Inder studierten in Tharandt. Mehrere forstliche Ausbildungsstätten im Ausland wurden von Tharandter Absolventen gegründet, so z. B. in Japan, Italien und Spanien.
1904 wurde die Forstakademie in den Rang einer Hochschule erhoben und erhielt das Habilitationsrecht.

Obwohl 1885 der Bau des Laboratoriums (heutiger Stöckhardt-Bau) beendet worden war, herrschte ständig Raummangel, zum einen, weil sich Bibliothek und Sammlungen ständig vergrößerten, zum anderen, weil neue Wissensgebiete hinzugekommen waren.

Da jedoch immer wieder von staatlichen Stellen die Verlegung der Forstakademie nach Leipzig erwogen wurde, ruhte die Bautätigkeit mehrere Jahrzehnte.

Die Existenzfrage war erst dann endgültig geklärt, als die Forstliche Hochschule Tharandt am 1.4.1929 Abteilung der Technischen Hochschule Dresden wurde, wobei eine gewisse Selbständigkeit bewahrt blieb. Erst 1941 mit der Erhebung in den Rang einer Fakultät war die Integration vollzogen.

Bereits während der Vorverhandlungen mit der Technischen Hochschule Dresden begann eine rege Bautätigkeit, indem die alten Gebäude modernisiert und teilweise erweitert wurden. Der "Cotta-Bau" wurde nach dreijähriger Bauzeit im Januar 1930 eingeweiht, 1934 erwarb man den heutigen "Roßmäßler-Bau" und 1940 den "Nobbe-Bau", das Schloss wurde 1937 angemietet. Die vorgesehenen Erweiterungsbauten rechts und links des Cotta-Baues wurden, bedingt durch den 2. Weltkrieg, nicht ausgeführt.

Von Zerstörungen blieb Tharandt im Krieg verschont, doch im Mai 1945 war der Fortbestand der Fakultät gefährdet, da nur die drei Professoren Prell, Sachsse und Wienhaus in Tharandt verblieben waren. Sie und die beiden Beauftragten der sowjetischen Militärverwaltung Dashkewitsch und Malinowski, die beide Forstleute waren und die Tharandter Tradition kannten, verhinderten die beabsichtigte Auflösung der Fakultät.

Heinrich Prell

Hans Sachsse
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Heinrich Wienhaus
Am 1. Oktober 1946 wurde dann die "Fakultät für Forstwirtschaft" in Tharandt als eine der ersten drei Fakultäten der Technischen Hochschule Dresden wieder eröffnet.
Die Studentenzahlen stiegen rasch an. Ab 1961 wurden auch wieder Ausländer in Tharandt ausgebildet, allerdings kamen diese vorwiegend aus den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens und Südamerikas.

Von 1963 bis 1990 studierten 238 ausländische Studenten aus 36 verschiedenen Staaten in Tharandt.

1968 wurde im Zuge der 3. Hochschulreform aus der Fakultät für Forstwirtschaft mit 14 Instituten eine Sektion Forstwirtschaft mit 9 Wissenschaftsbereichen, die zur Fakultät Bau-, Wasser- und Forstwesen gehörte.
Die politische Wende 1989 brachte auch in Tharandt Veränderungen mit sich. Viele Mitarbeiter sprachen sich wieder für eine eigenständige Fakultät aus, doch die Einsicht, dass in einer gemeinsamen Fakultät Forst-, Geo- und Hydrowissenschaften die "Umweltwissenschaften" komplex bearbeitet werden könnten und dies dem Zeiterfordernis entspricht, siegte letztendlich. Die Fachrichtung Forstwissenschaften hat heute 9 Institute, wobei das Institut für "Allgemeine Ökologie und Umweltschutz" erst 1992 gegründet wurde.
Nach 1945 wurden in Tharandt neben dem Gebäude auf der Weißiger Höhe und dem Gebäude, in dem der Lehrstuhl für Forsttechnik seinen Sitz hat, mehrere Versuchs- und Forschungseinrichtungen gebaut und eingerichtet (u. a. das Immissionsökologische Prüffeld, die Versuchsstation Waldbau, das Meteorologische Messfeld, das Ökologische Messfeld).
Trotzdem fehlte es ständig an Räumen, insbesondere an Laborkapazität. Am 13.1.2000 wurde ein neues Lehr- und Laborgebäude, der Judeich-Bau, nach knapp zweijähriger Bauzeit eingeweiht. Damit verbesserten sich die Bedingungen für Lehre und Forschung entscheidend.
Die forstliche Ausbildungsstätte in Tharandt wäre jedoch, wie auch andere ähnliche Einrichtungen, irgendwann in Vergessenheit geraten, wenn hier nicht herausragende Persönlichkeiten und Wissenschaftler gelehrt hätten. Die Zahl derer, die erwähnt werden müssten, ist groß. Es sollen nur einige wenige vorgestellt werden:

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Emil Adolph 
Roßmäßler

In den ersten Jahren lehrten in Tharandt neben Heinrich Cotta, der die forstlichen Hauptfächer vertrat, A. Reum Mathematik und Forstbotanik sowie C. L. Krutzsch allgemeine Naturwissenschaften. 1830 übernahm A. E. Roßmäßler (1806 - 1867) die Ausbildung in Zoologie und nach dem Tod Reums auch die in Botanik. Roßmäßler engagierte sich stark politisch und war nach der bürgerlichen Revolution 1848/49 Delegierter der Frankfurter Nationalversammlung. Die sächsische Regierung sah dies nicht gern, und so führte diese "recht unerfreuliche Störung des Unterrichtsganges" dazu, dass er sein Lehramt nach Rückkehr aus Frankfurt nicht wieder aufnehmen durfte. 1850 wurde er in den Ruhestand versetzt.
Zu den wesentlichen von Tharandt ausgehenden forstwissenschaftlichen Theorien gehörte die Bodenreinertragslehre, die von M. R. Pressler (1815 - 1886) entwickelt wurde. Grundgedanke der Bodenreinertragslehre war es, die Wirtschaftsform herauszufinden, bei der sich das Holzvorratskapital am besten verzinst. Pressler, der 1840 als Mathematikprofessor berufen worden war, entwickelte verschiedene Messinstrumente und Hilfsmittel für Messung von Bäumen und Beständen, u. a. den noch heute verwendeten Zuwachsbohrer.

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Max Robert Pressler
  

J. F. Judeich, der als Akademiedirektor, wie bereits erwähnt, eine hochangesehene Persönlichkeit war, trat konsequent für die Bodenreinertragslehre ein, bezog aber auch finanzwirtschaftliche Gesichtspunkte mit ein. Sein 1871 erschienenes Werk "Die Forsteinrichtung" beeinflusste die Forsteinrichtungsverfahren vieler Länder. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt (u. a. russisch, japanisch, spanisch) und in Deutschland 9mal aufgelegt. Seine Verdienste um den Erhalt der Tharandter Ausbildungsstätte wurden bereits erwähnt.

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Friedrich Nobbe
  

Während Judeichs Amtszeit war F. Nobbe (1830 - 1922) Professor für Botanik. Sein Name ist eng mit der Entwicklung der Samenkontrolle in Deutschland verbunden. 1869 wurde durch sein Engagement die erste Samenprüfstelle der Welt eingerichtet. Sein "Handbuch der Samenkunde" (1876) war zu seiner Zeit ein Standardwerk. Darüber hinaus beschäftigte sich Nobbe mit der Pflanzenernährung (Bedeutung der Mineralstoffe, Knöllchenbakterien der Leguminosen).

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Max Friedrich Kunze

Bahnbrechende Arbeit für das Versuchswesen leistete M. F. Kunze (1838 - 1921), der als Nachfolger Presslers nach Tharandt kam und über umfangreiche praktische Erfahrungen verfügte. Er gilt als der Begründer des Forstlichen Versuchswesens, und noch heute werden von ihm angelegte Versuchflächen weitergeführt.
Der Begründer der forstlichen Standortslehre H. H. Vater (1859 - 1930) wurde mit 28 Jahren zunächst als Professor für Mineralogie und Geologie nach Tharandt berufen. Um die Jahrhundertwende führte er erstmals eigenständige Vorlesungen für Forstliche Bodenkunde und Forstliche Standortslehre ein, da deren Bedeutung für die forstliche Praxis ständig wuchs. Die Ergebnisse seiner Weitsicht und methodisch exakt betriebenen Forschung haben heute noch Gültigkeit.

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Heinrich Vater
  

Auch in unserem Jahrhundert, in dem eine kontinuierliche Ausbildung und Wissenschaftsentwicklung durch einschneidende gesellschaftliche Umbrüche und vor allem die zwei Weltkriege behindert wurden, wurden in Tharandt wissenschaftliche Leistungen vollbracht, die Respekt abfordern.

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Konrad Rubner
  

Hohe nationale und internationale Anerkennung erlangte Prof. K. Rubner (1886 - 1974), in Tharandt Waldbauprofessor von 1928 - 1945 mit seinen Arbeiten zu den pflanzengeographischen Grundlagen des Waldbaues.
H. Prell (1888 - 1962), Professor für Zoologie von 1923 - 1958, führte im Forstschutz den planmäßigen Schädlingsmeldedienst als Kernstück aller vorbeugenden Maßnahmen ein. Er war der letzte Rektor der eigenständigen "Forstlichen Hochschule Tharandt" und vollzog den Anschluss an die damalige Technische Hochschule Dresden.
Auf dem Gebiet der Forstbotanik befassten sich die Professoren E. Münch (1876 - 1956) und B. Huber (1899 - 1969) mit grundlegenden Forschungen, deren Ergebnisse bis heute von höchster Aktualität sind. Obwohl umstritten wegen seiner politischen Haltung während der Zeit des Nationalsozialismus, gebührt Prof. F. Heske (1892 - 1963), Vertreter des Faches Forsteinrichtung von 1928 - 1940, das Verdienst, in Tharandt das "Institut für ausländische und koloniale Forstwirtschaft" gegründet zu haben, das 1941 nach Hamburg-Reinbek verlegt wurde (Lehrveranstaltungen zu außereuropäischen Waldverhältnissen wurden schon 1907 gehalten).
Besonders hervorzuheben ist auch Prof. R. Hugershoff (1882 - 1941), der von 1911 bis zu seinem Tode u. a. die Fächer Mathematik und Vermessungskunde vertrat und international als Begründer der forstlichen Photogrammmetrie gilt. Über 100 in- und ausländische Patente zeugen von seinem Erfindergeist.
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Ernst Münch
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Bruno Huber
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Reinhard Hugershoff
Inwieweit die Professoren der jüngsten Vergangenheit in die Geschichte Tharandts eingehen werden, wird sich zeigen.
Auch heute bedarf es Anstrengungen, den "Standort Tharandt" zu sichern und die Ausbildung auf hohem Niveau zu gewährleisten. Durch die Studienreform, die im Studiengang Forstwissenschaften die drei Studienabschlüsse

* Diplomforstwirt(in)
* Bachelor of Science in Forest (Bakkalaureus)
* Master of Science in Forestry (Magister)

ermöglicht, wird der wachsenden Internationalisierung Rechnung getragen.

Die Einführung von zwei weiteren Masterstudiengängen ("Tropical Forestry" und "Ressourcenmanagement") erweitert das Ausbildungsprofil und nutzt die Ressourcen der 9 Institute und 3 Betriebseinheiten.

Die Eigenheit von Tharandt, "die enge Bindung an den Wald und die Verwurzelung in der Tradition", wird aber nie zur Disposition stehen.


TU Dresden | Fakultät Forst-, Geo- und Hydrowissenschaften | Fachrichtung Forstwissenschaften